Leseprobe aus "Brennende Herzen - Dark River"

Kapitel Eins

 

Es gibt drei Sorten von Menschen: solche, die sich zu Tode sorgen; solche, die sich zu Tode arbeiten; und solche, die sich zu Tode langweilen.

(Winston Churchill)

 

Kayden lauschte in die Stille hinein. Jedes Geräusch konnte die zahlreichen Soldaten alarmieren, die in den letzten Tagen vermehrt durch die schlammigen Straßen patrouillierten. Er atmete flach und presste sich gegen die Hauswand. Das Mauerwerk bot ihm Schutz und verbarg ihn vor neugierigen Augen. Ein Blick in den Himmel zeigte ihm die farblose Sonne, die sich für einen Moment am Horizont durch die grauen Wolkenbänder kämpfte. Kayden blinzelte.

Jeden Morgen um diese Zeit überquerten hunderte Arbeiter den Kontrollposten Nummer Fünf in Roof Garden. Wie jeden Tag um diese Uhrzeit war er mit Menschen überfüllt. Ihr Weg führte sie von den Wohnterrassen hinab ins Tal. Hier arbeiteten die meisten Einwohner. Pünktlich abends bei Sonnenuntergang läuteten die Glocken und die Menschen strömten zurück nach Hause. Nur diejenigen, die in Dark Valley lebten, blieben im Tal.

Dark Valley war jedoch nur ein Bereich von New London, wenn auch der größte und bevölkerungsreichste. Er lag im Tal, begann am unteren Fuß des Tajos Altos in der Sierra Nevada und endete erst unterhalb des Gipfels in fast dreitausend Metern Höhe. Vor über hundertdreißig Jahren war die Stadt von einer Handvoll Überlebender aus dem überschwemmten Norden Europas gegründet worden, nachdem der halbe Kontinent unter Wasser begraben worden war.

New London war in drei große Stadtviertel eingeteilt, die sich rund um den Berg und über künstlich angelegte Terrassen nach oben erstreckten. Hauptstraßen verbanden sie miteinander, ebenso zahlreiche, in den Fels gehauene Treppenaufgänge, die üblicherweise von den Bewohnern benutzt wurden, um von einer Terrasse zur nächsten zu gelangen. Kontrollposten waren über ganz New London verteilt und sorgten für Ordnung auf den Straßen. Das Wichtigste war jedoch der lichtdurchlässige und strahlungssichere Schutzschild, unter dem die Menschen lebten. Er grenzte an das öde Brachland des Gebirges, wo einst Pflanzen, Tiere und Menschen existierten. Verstrahlter Boden und mit Staub verseuchte Luft waren nicht selten und machten ein Leben außerhalb des Schutzschildes unmöglich.

Die Bewohner von Dark Valley nannten diesen Stadtteil oft Niemandsland. Er beherbergte die zahlreichen Fabriken und Gewächshäusern, zugleich wurde Viehzucht betrieben und jeder Form der Nahrungsbeschaffung nachgegangen. Verfallene, teilweise eingestürzte und ausgebrannte Gebäude prägten das allgemeine Bild mit. Dürftig zusammengenagelte Bretterbuden und weitläufige Zeltflächen waren keine Seltenheit. Die Slums waren von der Regierung nicht gerne gesehen, aber notgedrungen geduldet. Somit war Dark Valley der perfekte Ort, um in Hinterhöfen und dunklen Gassen ungestört zu bleiben. Zugleich diente dieser Teil den Rebellen als sicheres Versteck. Soldaten verirrten sich nur gelegentlich hierher und hielten sich nie lange auf. Ein weiterer positiver Aspekt für die Rebellen waren die Abwasserkanäle, die zusammen mit einem dunklen und tiefen Höhlensystem weit in den Berg hineinreichten und es ihnen so ermöglichten sich unbehelligt durch die Stadt zu bewegen. Ein nerviger und zäher Dorn im Auge der Regierung.

Am Berghang hinauf dehnten sich die Wohnterrassen von Roof Garden aus. Wer hier lebte und arbeitete gehörte zur Mittelschicht. Außerdem war dieser Stadtteil der Umschlagplatz für Lebensmittel und Waren aller Art. In den äußeren Bereichen florierte der Schwarzmarkt und gleich daneben war das Nachtleben neu erblüht. In Roof Garden waren auch die Gesundheitszentren untergebracht, die jeden Tag von Menschenmassen aufgesucht wurden.

Tausend Meter unterhalb des Gipfels grenzte Government Seat an. Auf der obersten Terrasse befand sich der Sitz der Regierung und des Militärs. Forschungszentren, Schulen und ein privates Krankenhaus standen den Reichen und Privilegierten zur Verfügung. Die Bewohner von Government Seat genossen alle nur erdenklichen Annehmlichkeiten.

»Bist du bereit?«, flüsterte Samuel Kayden zu, der neben ihm an der Mauer kauerte.

Kayden starrte Samuel nervös in die hellbraunen Augen und schluckte merklich. Sein beschleunigter Herzschlag pumpte Adrenalin durch den Körper und machte ihn wachsamer.

Knapp dreißig Meter von ihrer Position entfernt, erstreckte sich der Kontrollposten. Jeder Bewohner, der nach Roof Garden wollte, musste seinen Implantatschip scannen lassen. Widerrechtlicher Übertritt hatte zur Folge, dass die Soldaten denjenigen gefangen nahmen und zum Verhör brachten.

»Bist du bereit, Sam?«, gab Kayden die Frage zurück.

Samuel seufzte und folgte dem Blick seines Freundes, der sich wieder auf die Soldaten richtete.

»Du willst es also allen Ernstes tun«, stellte Samuel fest.

»Ja.«

Kayden und Samuel waren gemeinsam aufgewachsen. Egal was der eine tat oder der andere sagte, nie zweifelten sie an den Motiven und Handlungen des anderen. Heute jedoch waren ihre Nerven zum Zerreißen gespannt. Was sie beabsichtigten, konnte im schlimmsten Fall mit ihrem Tod enden.

»Dir ist bewusst, dass Jenson davon erfahren wird … so oder so«, flüsterte Samuel.

»Schon klar. Aber das wussten wir vorher. Du kannst immer noch aussteigen, wenn du willst. Ich mache dir deswegen keine Vorwürfe.«

»Keine Chance. Ich werde mit dir gehen«, erwiderte Samuel und klang gekränkt. Dann erhellte ein wissendes Schmunzeln sein Gesicht. »Meinst du, ich überlasse dir alleine den ganzen Spaß? Falsch gedacht. Ich will genauso wie du die Wahrheit herausfinden. Jenson kann mir viel erzählen, ich glaube ihm schon lange nicht mehr.«

Kayden lächelte. »Danke. Das bedeutet mir sehr viel.« Er klopfte ihm auf die Schulter. »Lass uns nicht länger warten.«

»Hast du die Chips?«

»Hier.« Kayden fischte aus seiner Manteltasche zwei durchsichtige Synthetik-Chips, in der Größe eines Stecknadelkopfes, und präsentierte sie auf der hohlen Handfläche. Bei genauerem Hinsehen erkannten sie auf jedem einen winzigen schwarzen Punkt, der auf der glatten Oberfläche eingelasert worden war. Dieser Punkt war der Memospeicher. Darauf waren alle Daten des jeweiligen Trägers erfasst. Angefangen von Geschlecht, Blutgruppe, Augenfarbe, Haarfarbe, Name und Alter, bis hin zu Krankheitsanfälligkeiten und -risiken. Anhand des Chips konnte das Militär jederzeit den Aufenthaltsort eines Bürgers herausfinden. Zugleich enthielt er die wichtigsten Daten, die das Leben überhaupt erst möglich machten: die Impfdosen von Black Silence. Lag die letzte Injektion länger als zweiundsiebzig Stunden zurück, war der Träger nicht nur zum Tode verurteilt, sondern wurde auf dem schnellsten Weg zum Sterben fortgeschafft. Nicht einmal Leichen blieben zurück. Wer sich nicht pünktlich vor Ablauf der drei Tage in einem ihm zugewiesenen Gesundheitszentrum meldete, war ebenfalls verdammt. Das Gesundheitspersonal hatte strikte Anweisungen der Regierung jedem seine Dosis Black Silence zu verweigern, der sich nicht an die Gesetze hielt. Und die Impfung war in New London Gesetz.

Morbus Septic hieß die Krankheit, an der alle Überlebenden nach der verheerenden Katastrophe erkrankt waren. Woher der tödliche Virus gekommen war wusste niemand, aber die Ansteckung erfolgte bereits im Mutterleib. Wem die Impfung verwehrt wurde, bekam zuerst einen brennenden, rötlichen Hautausschlag, gefolgt von hohem Fieber. Nur wenige Stunden nach den ersten Symptomen begann der Zerfall der inneren Organe. Ein Heilmittel gab es nicht, aber es war zumindest gelungen das Fortschreiten von Morbus Septic aufzuhalten. Alle werdenden Mütter waren demzufolge verpflichtet ihrem heranwachsenden Fötus bereits im fünften Monat den Chip implantieren zu lassen. Die Ärzte überwachten akribisch den Prozess, wie das ungeborene Kind sich durch die Injektionen der Mutter allmählich an Black Silence gewöhnte.

Unter Todesstrafe war die Entfernung des Chips verboten. Die Bewohner hielten sich an das Verbot, alle, bis auf die Rebellen. Ihre erforderliche Impfdosis erbeuteten sie bei den wöchentlichen Lieferungen an die Gesundheitszentren, wobei sie so geschickt vorgingen, dass sogar das Militär bisher machtlos dagegen war.

»Hoffentlich hat niemand bemerkt, dass du die Chips aus Lathams Labor gestohlen hast«, sagte Samuel und musterte sie in Kaydens Hand.

»Sei ehrlich … spielt das jetzt noch eine Rolle? Wenn wir das durchziehen, gibt es kein Zurück. Jenson würde uns auf der Stelle erschießen lassen.«

»Das Militär auch, wenn sie feststellen, dass es nicht unsere Chips sind.« Samuels Miene verfinsterte sich. »Ich weiß, ich habe deinem verrückten Plan zugestimmt, weil ich selbst herausfinden will, ob die Gerüchte stimmen. Ich kann nicht glauben, dass Jenson sich mit der Kirche verbündet hat. Er und Sanaih können sich nicht ausstehen. Das haben sie beide bei ihrem letzten Treffen vor drei Monaten sehr deutlich gemacht. Ich bin mir aber sicher, dass Jenson uns allen etwas verschweigt. Nur was?«

»Keine Ahnung. Vielleicht planen sie doch etwas Gemeinsames Erinnere dich an das Sprichwort: Der Feind deines Feindes ist dein Freund«, antwortete Kayden. Dabei fuhr ihm seine wachsende Unruhe durch Mark und Bein. Die Angst rauschte durch seine Adern und doch war sie ihm willkommen. Das Adrenalin in seinem Blut nahm ihm ein wenig die Furcht und schärfte dafür seine Sinne und Entschlossenheit. Obwohl er sich eingestand, dass der Einwand seines besten Freundes berechtigt war. Samuel hatte immer recht. Er war sein Gewissen, sein Rückhalt und mit ihm an seiner Seite fühlte er sich mutig genug, diesen Plan in die Tat umzusetzen.

Beide junge Männer gehörten mit ihren zwanzig Jahren zu den Rebellen. Von Geburt an waren sie gemeinsam mit den Untergrundtruppen von Versteck zu Versteck gezogen. Sie waren im Namen der Freiheit und unter ihrem Anführer Jenson groß geworden. Sie kämpften mit Herz und Verstand für seine Sache, hatten noch nie einen Befehl verweigert, oder sich vor einem Kampf gedrückt. Aber dieses Mal war es anders. Zum ersten Mal hintergingen sie ihn, der im Hauptquartier saß und nichts unternahm dem Grund der Gerüchte nachzugehen oder sie zu zerstreuen. Ein Wesenszug, den sie an ihm nicht kannten, und der sie dazu veranlasste selbst zu handeln.

Angeblich plante das Militär unter Führung des Regierungschefs George Rushton die Anhängerschaft der neuen Religion für immer auszumerzen. Für die Gläubigen war Morbus Septic und die draus resultierende Genforschung ein Frevel gegen Gott. Sie sahen das, was bei der großen Katastrophe vor hundertdreißig Jahren geschehen war, als Strafe Gottes an. Ausbeutung fossiler Brennstoffe, Atombomben und unzählige Kriege, die viel zu viele unschuldige Opfer gefordert hatten. Das waren ihre Argumente, um die Bevölkerung gegen die momentane Regierung aufzuhetzen. Daher sollte sich der Anführer Sanaih den Rebellen angeschlossen haben und gemeinsam planten sie einen Großangriff auf Government Seat.

Dieses Gerede war viel zu absurd, um auch nur annähernd die Wahrheit sein zu können. Sanaih und seine Kirche verabscheute die Methoden der Rebellen. Das wussten Kayden und Samuel.

Kayden verdankte Jenson sein Leben. Jenson hatte ihn als Säugling von der Straße aufgelesen, bevor er an dem Fortschreiten von Morbus Septic gestorben wäre. Er hatte dafür gesorgt, dass Kayden seither immer seine Dosis bekam. Von Kindesbeinen an war er für ihn wie ein Vater. Jenson hatte ihm persönlich das Lesen und Schreiben beigebracht, ihm eine Familie gegeben und ihm jeden Tag eine anständige Mahlzeit, sauberes Trinkwasser und halbwegs gut erhaltene Kleidung geschenkt. Aber er wusste auch, Jensons Güte war keineswegs uneigennützig.

Bereits mit acht Jahren konnte Kayden auf den ersten Blick jeden Waffentyp identifizieren. Mit neun zielte er so sicher, dass er seine Ziele nie verfehlte. Zwei Jahre später gehörten Samuel und er dem tief verwurzeltem Schmugglerring an, der wöchentlich und unter ständiger Gefahr entdeckt zu werden, Impfstoff, Nahrungsmittel, Waffen, Medikamente und Sauerstoffrationen von Roof Garden zum Rebellenhauptsitz transportierte. Reiner Sauerstoff war mindestens genauso begehrt wie Black Silence. So hatten sich die Rebellen einen Namen gemacht und konnten sich frei im Untergrund bewegen. Im Gegenzug nahmen sie Freiwillige auf und bildeten sie aus. Der Hauptfeind war und blieb die Regierung und das Militär.

Kayden versuchte den Gedanken an Jenson auszublenden, obwohl er im Begriff war seinen Gönner zu hintergehen.

»Oh Mann. Mein Vater wird uns häuten«, riss Samuels Flüstern ihn in die Gegenwart zurück. »Aber vorher wird er uns foltern. Uns die Zungen herausschneiden, und wenn er gnädig ist, dann …«

»Verdammt Sam!“, fauchte Kayden. Er wusste, welches Schicksal ihnen bevorstand, wenn sie in Jensons Fänge gerieten. »Du hast eben gesagt, dass du deinem Vater kein Wort glaubst. Dann höre gefälligst damit auf, unsere Mission schon als gescheitert zu betrachten. Wir haben nicht mal angefangen. Wir werden uns jetzt die gestohlenen Chips implantieren und so tun, als wären wir die angeforderten Hilfsarbeiter auf dem Weg zur Arbeit. Verzweifeln kannst du immer noch, falls wir entdeckt werden. Du solltest mich besser kennen. So einfach gebe ich nicht auf. Schon vergessen … wir sind Brüder und der eine zählt auf den anderen. Ich würde auch ohne dich weitermachen, was schwierig ist, aber noch kannst du aussteigen. Ich werde es dir nicht übel nehmen.«

Samuel seufzte. »Ich halte was ich verspreche. Ich lasse dich nicht im Stich.«

Für Kayden war das Antwort genug. »Vergiss nicht, wenn es stimmt, was wir glauben zu wissen, dann tun wir genau das Richtige. Nur Rushton kann hinter dem Gerücht stecken und das werden wir beweisen. Sanaih und die Rebellen waren für ihn schon immer ein Dorn im Auge, weil er durch uns mehr und mehr an Glaubwürdigkeit in der Stadt verliert. Also musste er eine Lüge erfinden, damit sich alle hinter ihn stellen und gegen uns arbeiten.«

»Mein Vater hat sich noch nie so teilnahmslos verhalten. Ich kann ihn ja verstehen, wenn er sagt, das wäre eine Falle. Aber was passiert, wenn plötzlich die Leute anfangen sich auf Rushtons Seite zu stellen, weil sie ihm glauben? Ich kann verstehen, wenn sie Angst haben. Doch um ihr erbärmliches Leben unter Rushtons gnadenloser Regierung weiterzuführen, werden sie meinen Vater nicht weiter unterstützen, aber mein Vater ist auf ihre Unterstützung angewiesen..« Er machte eine kurze Pause, dann lächelte er. »Egal ob Falle oder nicht. Ich muss auf dich aufpassen. Zufällig weiß ich, dass du Probleme magisch anziehst.« Samuel lachte und aus seinem Gesicht verschwanden zusehends die letzten Zweifel.

Zufrieden nickte Kayden. »Auf dich ist eben doch Verlass.«

Beide reichten sich die Hände und es war beschlossene Sache. Keiner würde kneifen.

Samuel schob den Ärmel seines zerschlissenen Pullovers nach oben. Kayden zog in der Zwischenzeit ein Klappmesser aus der Hosentasche. Die beiden gestohlenen Chips reichte er an seinen Freund weiter. Für das was er vorhatte, benötigte er freie Hände. Er ließ das Messer aufschnappen und machte sich augenblicklich ans Werk.

Entschieden fuhr er mit der scharfen Klinge über Samuels Haut und hinterließ auf der Innenseite des Unterarms einen zirka einen Zentimeter langen, waagerechten Schnitt. Anschließend nahm er einen der Chips und schob ihn langsam unter die Haut. Danach griff er in seine Hosentasche und brachte etwas zum Vorschein, das seinen Freund in Staunen versetzte.

»Woher hast du die künstliche Haut?«

»Du würdest dich wundern, was Latham alles in seinem Labor hortet.« Kayden grinste. »Er bewahrt dort nicht nur seine krankhaften Laborversuche und die Medikamente auf. Es ist wohl besser, wenn ich dir nichts von den abartigen Experimenten erzähle.«

»Ganz ehrlich? Ich will es nicht wissen.« Angeekelt rümpfte Samuel die Nase. »Beeile dich lieber, der Wachwechsel findet gleich statt. Dann sind die Soldaten abgelenkt und achten nicht so genau, wen sie durchlassen.«

Schweigend löste Kayden die künstliche Haut von einem feinmaschigen Gitternetz, auf der sie festgeklebt war, und legte sie auf die offene Wunde. Sofort verschwand der Schnitt darunter und nur ein paar Blutstropfen zeugten von seinem Tun. Samuel wischte das Blut weg und beäugte seinen Arm.

»Klasse. So bestehen wir den Scan. Wenn sie nicht gerade verlangen, dass ich mich ausziehen soll.« Er drückte die zweite Haut fest und schob den Ärmel nach unten. »Jetzt bist du dran.«

Samuel wiederholte die Prozedur bei Kayden.

Ein letzter prüfender Blick und dann musste sich Kayden von seinem geliebten Messer trennen. Mit der Waffe kam am Scanner vorbei. Aber er wollte es auch nicht einfach auf die schlammige Straße werfen. Aus diesem Grund entschied er sich, es in einem kleinen Spalt in der Hauswand zu verstecken. Vielleicht, irgendwann, könnte er es wieder gebrauchen, falls es vorher nicht von jemand anderem gefunden wurde.

Kaydens Körper war bis in die kleinste Faser angespannt. Er war bereit auf alles zu reagieren, falls ihr Plan misslingen sollte. Sein Herz pochte so schnell, als würde er einen Marathon bestreiten, während der Mund und die Kehle sich staubtrocken anfühlten. Die Angst nagte erneut an seinen Nerven. In all den Jahren hatte er schon viele brenzlige Situation überstanden, sogar dem Tod ins Auge geblickt, aber stets hatte er den Schutz seiner Truppe gespürt. Heute waren Samuel und er alleine. Ein mulmiges Bauchgefühl hinterließ bei ihm den Eindruck, als hätte er einen Haufen Kieselsteine verschluckt, die ihm schwer im Magen lagen. Dabei spürte er kaum das Brennen im linken Unterarm, wo der Chip unter der künstlichen Haut versteckt war.

»Ganz ruhig. Es wird schon schiefgehen.« Kayden versuchte sich Mut zu machen, aber selbst in seinen Ohren klangen die Worte in diesem Moment hohl und nichtssagend. Eine Sekunde der Unaufmerksamkeit konnte ihren Tod bedeuten.

»Das bin ich«, log Samuel ganz offensichtlich und lächelte trotzdem. Aber das aufgesetzte Lächeln, das Entschlossenheit und Zuversicht vermitteln sollte, erbrachte jedoch nur das Gegenteil. »Du musst aufhören dich zu verkrampfen.«

»Ja, du aber auch.« Kayden hatte die Hände instinktiv zu Fäusten geballt, die weißen Fingerknöchel stachen hervor.

Schweigend reihten sie sich in die Schlange vor dem Kontrollposten ein. Vor ihnen warteten bereits zwei Dutzend Männer und noch einmal so viele Frauen. Sie starrten unentwegt auf den Boden und bewegten sich nur, wenn einer der Soldaten nach dem Nächsten rief. Während der Zeit des Wartens wurde Kayden bewusst, dass sie sich auf ein ungewisses Abenteuer einließen.

Ihr Handeln basierte allein auf dem Wunsch, dass die Rebellen durch die Bevölkerung weiterhin geschützt wurden, sonst dauerte es nicht mehr lange, bis das Militär alle Verstecke aufgerieben und jeden umbringen würde. Aber es war Jensons Gleichgültigkeit, die sie erst auf diesen irrsinnigen Plan gebracht hatte. Von einigen anderen Rebellen wusste er, dass auch sie nicht gewillt waren, einfach stillzuhalten und zuzusehen. Doch keiner von ihnen trauten sich Jenson zu hintergehen.

Für den Regierungschef Rushton war allerdings jedes Mittel recht, um an sein Ziel zu gelangen: die Rebellen ein für alle Mal auszumerzen. In den vergangenen Jahren war die Anzahl der Aufwiegler erheblich angewachsen. Jeder, der vom Militär gefangengenommen und dem Verrat gegenüber der Regierung beschuldigt wurde, kam lebenslänglich ins Gefängnis. Hinter vorgehaltener Hand munkelten jedoch einige Rebellen, dass Rushton sie für abscheuliche Experimente den Wissenschaftlern zur Verfügung stellte.

»Der Nächste«, rief ein Soldat durch das verdunkelte Visier des Schutzhelms.

Kayden sah auf. Nur noch ein Mann trennte Samuel von Roof Garden. Nervös biss er sich auf die Innenseite seiner Wange und betete stumm, dass ihre Tarnung nicht aufflog. Wenn er auch nicht an eine höhere Macht glaubte, so vertraute er auf das Schicksal und das Glück.

Vorsichtig schweifte Kaydens Blick zum Kontrollpunkt. Er bestand aus einer der gewöhnlichen Geröllstraßen und eine Laserschranke versperrte den Weg. Fünf schwer bewaffnete Soldaten überwachten die nähere Umgebung, während zwei weitere die Scannerkontrollen durchführten. Einer scannte, der andere ließ die Arbeiter passieren, sobald sie überprüft und sauber waren.

»Der Nächste«, rief der Soldat mit dem Scanner. Unter dem Helm klang seine Stimme seltsam ausdruckslos und mechanisch.

Angespannt trat Samuel vor. Kaydens Muskeln spannten sich an. Die Wache in ihrer dunkelblauen Uniform unterzog Samuel einer gründlichen Musterung. Mit Hilfe des tragbaren Scanners mit Monitor, der an seinem Handgelenk befestigt und nicht größer als eine normale Hand war, durchleuchtete er Samuel. Der Scanner durchdrang mühelos die Kleidung. Als er über die Stelle mit dem Chip glitt, hielt Kayden den Atem an. Der Soldat las die gespeicherten Daten auf dem Monitor.

Nun würde sich zeigen, ob Kayden alles richtig gemacht hatte. Vor drei Tagen war er in Lathams Labor eingebrochen und hatte aus dessen geheimen Vorrat zwei Chips gestohlen. Anschließend hatte er am Computer die Implantate mit falschen Daten programmiert. Die Ironie des Ganzen war, dass es einst Jenson war, der es ihm beigebracht hatte. Es war nicht einfach gewesen sich über eine sichere Verbindung in den Hauptserver des Gesundheitszentrums einzuhacken, aber es war ihm ohne entdeckt zu werden gelungen.

»John Dewey«, sagte der Soldat und verglich das angezeigte Bild des Chips mit dem Mann vor ihm. »Sie sind Hilfsarbeiter im Gewächshaus Drei, Sektor zwölf. Stimmt das?«

»Ja, Sir. Ich komme von der Nachtschicht.«

Etliche Sekunden verstrichen und kamen Kayden wie eine Ewigkeit vor. Erneut studierte der Wachmann die Daten, bis er das ersehnte Handzeichen gab. Sein Kollege an der Laserschranke ließ ihn ungehindert ziehen.

»Der Nächste.«

Kayden war an der Reihe. Er musste sich konzentrieren, nicht breit zu grinsen. Sein Freund hatte es tatsächlich geschafft. Die schlaflosen Nächte, die er sich um die Ohren gehauen hatte, immer mit die Gefahr im Nacken, jederzeit erwischt zu werden, hatten sich ausgezahlt.

Der Soldat musterte ihn von Kopf bis Fuß. Daraufhin tastete er ihn mit dem Scanner ab und fuhr über den dunklen Ledermantel. Darunter trug er seine übliche Kleidung. Eine schwarze, abgenutzte Lederhose, eine ärmellose Lederweste, die an der Brust zusammengeschnürt war, und Stiefel.

Kaydens schulterlange schwarze Haare fielen ihm ins Gesicht und er presste unbewusst die Lippen aufeinander. Seine Nervosität war mit einem Schlag zurück.

»Dein Arm«, forderte der Wachsoldat ihn auf.

Langsam hob er ihn an und schluckte einen Kloß im Hals herunter.

Der Scanner piepte und dann stierte der Mann auf den Monitor. Kayden schielte hinüber und glaubte, sein Herz würde stehen bleiben. Nicht sein Bild, sondern Jensons Konterfei starrte ihn an.

 

 

 

© Jana Martens - unlektorierte Textfassung
("Brennende Herzen - Dark River")

 

 



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